Am Schreibtisch der Agenten (LR vom 21.05.2012)

Am Schreibtisch der Agenten
Spannend: Spionage zwischen Graf Brühl und Friedrich II. in Branitzer Ausstellung

Lausitzer Rundschau vom 21.05.2012
von Felix Johannes Enzian

Cottbus. Geheimcodes, abgefangene Briefe, bestochene Insider: Die Branitzer Ausstellung „Friedrich der Große und Graf Brühl – Geschichte einer Feindschaft“ widmet sich auch dem spannenden Thema Spionage.
Forschung über die Arbeit von Spionen ist vertrackt: Meistens hinterlasse diese nur dann Spuren in Dokumenten, wenn etwas schiefgegangen ist, erklärt Anne-Simone Rous vom Forschungszentrum Gotha in Thüringen. Die Historikerin arbeitet gerade an ihrer Habilitationsschrift über Spionage vom 16. bis 18. Jahrhundert. Unter anderem beschäftigt sie sich mit der „Geheimen Expedition“: So hieß zwischen 1736 und 1750 eine geheimdienstliche Nachrichtenzentrale in Dresden. Sie wurde von Graf Heinrich von Brühl ins Leben gerufen, der in sächsisch-polnischen Diensten unter August dem Starken und dessen Sohn bis zum Premierminister aufstieg und unter anderem Standesherr in Forst und Pförten (heute Brody) in der Lausitz war.

Die „Geheime Expedition“ hatte vermutlich im Dresdner Kanzleigebäude ihren Sitz. Ihre Spezialität war die Ausschnüffelung und Manipulierung von abgefangenen Briefen. Um diese Arbeit kümmerten sich mehrere Kryptografen, also Experten für Chiffriercodes, ein Chemiker für die Entdeckung geheimer Tinten, ein Handschriftenimitator, ein Siegelfälscher sowie ein Schlosser, der Schlüssel von Schatullen nachfertigen konnte.

Rolle der Geheimdiplomatie

Ziel der Auskundschaftung war die Politik Preußens als der wichtigsten Konkurrenzmacht Sachsens. Deshalb spielt die „Geheime Expedition“ in der Branitzer Ausstellung über den Grafen Brühl und den Preußenkönig Friedrich II. eine große Rolle.

Im pücklerschen Marstall baut Ausstellungsarchitekt Enrico Oliver Nowka zum Beispiel einen Dechiffrierschreibtisch nach, wie er in Dresden gestanden haben könnte. Zur historischen Ausstattung gehört eine Apparatur zur Wasserdampferzeugung. „Durch Wasserdampfstrahlen wurden Briefe aus Büttenpapier aufgeweicht, sodass sie mithilfe von Pinzetten auf- und zugefaltet werden konnten, ohne das Siegel zu zerstören“, erläutert der Cottbuser. „Da die früher benutzte Gallustinte nicht verlief, hinterließ der Eingriff keine Spuren.“

Gewöhnliches Briefschreiberzubehör der damaligen Zeit wie Federkiele und Petschaften, mit denen das Siegelwachs gestempelt wurde, vervollständigt das Agenteninstrumentarium.

Enrico Oliver Nowka hat in den vergangenen Jahren bereits Sonderausstellungen wie „Zeitschichten“ und „Englandsouvenirs“ wunderbar anschaulich bei der Pückler-Stiftung in Szene gesetzt. „Geschichte einer Feindschaft“, inhaltlich kuratiert von der Potsdamer Historikerin Simone Neuhäuser, wird ebenfalls von ihm gestaltet.

Wie aus Abenteuerroman

Die Agentenarbeit zu Lebzeiten Graf Brühls beschränkte sich, wie die Ausstellung zeigen wird, nicht auf Bürotätigkeit. Anne-Simone Rous hat einige Einzelheiten über die Spionage und Gegenspionage zwischen Sachsen und Preußen in Erfahrung gebracht, die aus einem Abenteuerroman stammen könnten: Etliche Bedienstete der preußischen Gesandtschaft am sächsisch-polnischen Hof waren bestochen und spitzelten für Brühls Geheimdienst, darunter ein Sekretär, ein Jäger, ein Kammerdiener, ein Schreiber und ein Koch. Es war ausgerechnet der Graf selbst, der unfreiwillig auf die Existenz seiner Maulwürfe hinwies. Er verplapperte sich in diplomatischen Gesprächen, als er Kenntnisse über preußische Angelegenheiten äußerte, die er eigentlich gar nicht hätte haben können. Der bestochene Kammerdiener floh daraufhin nach Polen. Die Spionage war aufgeflogen.

Und hatte ein Nachspiel: Friedrich II., dem Brühl ohnehin so verhasst war, dass er später im Siebenjährigen Krieg dessen Besitzungen verwüsten ließ, warb nun seinerseits mit Bestechungsgeld Spitzel an. Der kursächsische Kanzlist Menzel, ein verschuldeter Lebemann, ließ sich kaufen. Zwischen 1752 und 1757 gab er vertrauliche Depeschen an den preußischen Gesandten weiter. Als Übergabeversteck für Briefe und Belohnungen diente eine Gerümpelecke am Wohnpalais des Gesandten. Zudem spannte Menzel seinen Schwager, den Goldschmied Johann Benjamin Erfurth, als Boten ein. Beide wurden erwischt, festgenommen und bis zu ihrem Tod auf der Festung Königstein in Haft gehalten.

Es gehört zu den Stärken der Ausstellung, die gerade in Branitz vorbereitet wird, dass sie solche Vorgänge hinter den Kulissen der großen Politik greifbar macht. Weitere Themenkomplexe sind unter anderem Brühls Biografie und Familiengeschichte sowie seine Lausitzer Standesherrschaften

„Friedrich der Große und Graf Brühl – Geschichte einer Feindschaft“, Schloss Branitz, 25. Mai bis 31. Oktober, täglich 10 bis18 Uhr.

Vollständiger Text unter www.lr-online.de

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